Der Schwarze Tod wütet in Europa  
     
  „Bringt euere Toten heraus!“, erschallt nachts der Ruf der Pestknechte in den Städten. Langsam rollen die Pestkarren durch die Gassen, die Wagenräder mit dicken Lumpen umwickelt, um den Menschen das Geräusch der sich nähernden Karren des Todes zu ersparen. Fast aus jedem Haus wird ein blutgeschwärzter Leichnam herausgetragen, auf den Karren geworfen und später in großen Gruben vor der Stadt verscharrt oder verbrannt. Rund 25 Millionen Menschen, ca. 30% der Gesamtbevölkerung, fallen der Pestwelle zum Opfer, die Europa von 1348-52 überrollt. Von den Tartaren auf der Krim eingeschleppt, wurde sie von den aus Caffa 1347 flüchtenden Genuesen nach Italien weiter getragen und breitete sich vor allem über die Seewege in Frankreich, Spanien, England, den Niederlanden, im Reich und in den südskandinavischen Ländern aus. Die Seuche (lat. pestis = ansteckende Krankheit, Seuche, Pest), die als Beulenpest, Lungenpest und Pestsepsis auftritt, betrifft alle gesellschaftlichen Schichten. Besonders hohe Verluste gibt es allerdings bei der armen Bevölkerung aufgrund des dichten Zusammenlebens und der noch schlechteren hygienischen Verhältnisse sowie bei Berufsgruppen und Funktionsträgern, die häufig mit Kranken und Toten in Berührung kommen.  
     
     
   
     
     
  Die starke Dezimierung der Bevölkerung hat auch wirtschaftliche Auswirkungen.
Zunächst kommt es durch den Mangel an Arbeitskräften zu einem signifikanten Anstieg der Löhne. Ab 1348 wird eine Arbeitsgesetzgebung erlassen, die u. a. zur Arbeit zwingt und Preise und Löhne durch Festlegung auf das Niveau vor der Pest zu stabilisieren versucht.
 
1361/62 gibt es eine zweite schwere Pest, die auch als Kinderpest bezeichnet wird. Menschen, die eine Pesterkrankung überstanden habe, sind resistent gegenüber einer erneuten Infektion, so dass v. a. die neu heranwachsende Bevölkerung betroffen ist.
 
 
     
  Eine gültige medizinische Erklärung der Pest gibt es nicht. Die Menschen sehen die Pest als Strafe Gottes für die sündige Menschheit. Entsprechend der antiken Miasma-Lehre soll die Seuche durch das Zusammenwirken einer ungünstigen Konstellation der Gestirne, Verunreinigungen der Luft und individueller Krankheitsdisposition entstehen. Gegenmaßnahmen sind daher beispielsweise das Tragen von Amuletten, Geißlerfahrten, Pestsäulen, Gelübde, Buß- und Bittprozessionen, Anrufung bestimmter Heiliger, Kapellenstiftungen und Festspiele (z. B. in Oberammergau).
Im Gegensatz zu dieser gesteigerten Frömmigkeit kommt es aber auch teilweise zu einem regelrechten Sittenverfall in Form von Ausschweifungen und ungehemmter Lebensfreude.
Familiäre Bindungen zählen oft nichts mehr aus Angst vor dem Pesttod, so dass Kranke und Sterbende oft einsam und verlassen sind, es sei denn Bruderschaften nehmen sich ihrer an. Diese kümmern sich auch um die Bestattung der Pesttoten.
 
 
     
  Die Kunde vom Massensterben soll sich möglichst wenig verbreiten. Daher gibt es Einschränkungen beim Läuten der Totenglocken und bei der Trauerkleidung, die Räder der Leichenkarren werden gelegentlich mit Stoff umwickelt und Tote werden nur nachts aus der Stadt gebracht.
Maßnahmen der Obrigkeiten zur Bekämpfung der Pest sind uneinheitlich und oft nicht effektiv genug. Wirksame Isolierungsmaßnahmen, z. B. die Errichtung von Pesthäusern und Quarantänestationen, scheitern häufig an zu hohen Kosten oder aus Angst vor den wirtschaftlichen Konsequenzen für die abgeschotteten Städte.
Bei der Kennzeichnung von Kontaktpersonen und der Isolierung Kranker gibt es bei sozial stärkeren Personen immer wieder Ausnahmen. Versammlungsverbote werden durch Prozessionen konterkariert. Entsorgungsvorschriften und Auflagen zur Straßenreinigung, Verbote der Straßenreinigung u. ä. zeigen zwar keine sofortige Wirkung, führen jedoch langfristig zu einer Verbesserung der unhygienischen Verhältnisse, die die Ausbreitung der Krankheit begünstigen.